über

Willkommen im Raum des Ungewissen!

Kommt näher, zoomt heran! Die Website und die umfangreiche Veranstaltungsreihe laden dazu ein, sich Mainz von einer anderen Perspektive aus zu nähern, den Kräften nachzugehen, die neben den menschlichen Handlungen walten. Wie interagieren Pilze, die unterirdisch über Kilometer miteinander verbunden sind? Was erzählen die Ablagerungen aus anderen Zeiten über die Stadt, wie mischen sich unter unseren Füßen menschliche und nicht menschliche Überreste? Wie vernetzen sich Viren, wie Daten? Und wie funktioniert der unterirdische Abtransport von Abwasser? Taucht unter die Oberflächen und werdet Teil des viralen, technologischen, archäologischen und biologischen Gewimmels. Begebt Euch auf die Suche nach dem Unsichtbaren und Unterschwelligen der Mainzer Mikrouniversen. Inspiration für diesen Perspektivwechsel bietet die Astro- und Teilchenphysik: Denn wir – die Tiere, die Pflanzen, die Dinge, die Menschen – sind umgeben von etwas, das weder menschliche Sinne noch hochtechnologische Messverfahren bisher erklären können: Dunkle Materie und Dunkle Energie. An ihrer Erforschung arbeiten im Bereich der Physik und der Astronomie weltweit Forscherinnen und Forscher unter höchstem Einsatz von Zeit, Geld und Energie. Trotz steter Forschungsfortschritte kann man bisher nur vermuten, dass es sie gibt, präzise Nachweise sind noch nicht erbracht. Dieser Verdacht bietet jedoch einen immensen Antrieb, da man aktuell davon ausgeht, dass dieses Unbekannte und Unsichtbare circa 96 Prozent unseres Universums, unserer kosmischen Umwelten ausmachen könnte. Mit diesem Antrieb blicken wir auf den Mikrokosmos Stadt und laden ein zu dem Gedankenspiel, dass auch hier alles, was wir sehen, wahrnehmen und nachweisen können nur 4 % dessen ist, was existiert und 96 % aus „Dunklen Materien der Stadt“ besteht. In welchen Kraftfeldern bewegen wir uns? Welche Netze überspannen die Stadt, die nicht mit dem bloßen Auge erkennbar sind? Welche Materien interagieren miteinander und mit uns, ohne, dass uns dies im Alltag bewusst ist? Die Website und das Projekt „Dark Matters. Die dunklen Materien der Stadt“ laden dazu ein, diese Fragen zu ergründen und sich auf eine Suche nach den großen Unbekannten in der Stadt außerhalb des Menschlichen zu begeben.

 

Viren

Viren breiten sich aus. Sie nisten sich parasitär ein, vermehren sich, mutieren und übertragen sich von Organismus zu Organismus. Manchmal sind sie harmlos für den Menschen und bleiben unbemerkt, dann wieder lösen sie unaufhaltsame Zerstörung aus. Die Existenz von mehreren Millionen verschiedenen Virenarten wird vermutet, bislang sind jedoch lediglich um die 3.000 Virenarten identifiziert worden. Viren befallen Zellen von Pflanzen, Pilzen, Bakterien und allen Tieren einschließlich des Menschen. Als infektiöse Partikel können sie von Wirt zu Wirt übertragen werden. Was Viren von diesen Wirten unterscheidet, ist, dass sie selbst nicht aus Zellen bestehen und keinen eigenen Stoffwechsel besitzen. Daher werden sie nicht zu den Lebewesen gerechnet. Man kann sie aber zumindest als „dem Leben nahestehend“ betrachten, denn sie besitzen allgemein die Fähigkeit zur Replikation und Evolution. Sie bedienen sich für die Vermehrung des Stoffwechsels der Wirtszelle. Zu diesem Zweck übernehmen Viren nach dem Eindringen in die Zelle die Kontrolle und veranlassen die Wirtszelle, alles Nötige für ihre Vervielfältigung herzustellen.

 

Pilze

Ein Pilz ragt  aus einem feuchten Holzstück. Zu sehen ist jedoch nur ein Bruchteil. Unter der Erde ein unüberschaubares Geflecht, bis zu einem Quadratkilometer groß. Pilze ziehen sich durch Pflanzen, fressen sich in Gemäuer, überwuchern Wege und dringen hinein in den menschlichen Organismus. Sie bilden das dritte große Reich der Lebewesen neben den Tieren und Pflanzen. Ihre Bedeutung für die Ökologie und Ökonomie ist noch nicht vollständig erforscht und liegt noch teilweise im Dunkeln. Pilze vermehren sich ungeschlechtlich, ohne Befruchtung, durch Sporen, die jahrhundertelang überleben können. Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit gegen biologischen Zerfall findet man Sporen oft in fossilen und geschichtlichen Ablagerungen. In der Archäologie und Paläontologie dienen sie als Indizien für Datierungen, Umweltbedingungen und Klimaveränderungen. Pilze sind keinesfalls nur giftig und krankheitserregend, sondern bauen auch toxische und umweltschädigende Stoffe ab. Neben den Bakterien sind Pilze für die Zersetzung und den Abbau aller Organismen verantwortlich und halten so den gesamten ökologischen Stoffkreislauf am Laufen. Doch wie kann man den Sporen auf die Spuren kommen? Was kann man von ihren verzweigten Geflechten lernen? Und was haben Pilze und Menschen gemeinsam?

Daten

Unsere Räume, Körper und Gehirne sind durchzogen von Datenströmen, unsichtbar kreuzen sich um und in uns komplexe Informationen, abstrakt und verfügbar zugleich. Jeder Handyanruf innerhalb einer Stadt nimmt den Umweg über das Weltall, jede Suchanfrage verlässt den Kontinent und kehrt nach der Dauer eines Blinzelns in die Stadt zurück. Neuronale Netze, menschengemacht, dem Gehirn nachempfunden, der menschlichen Wahrnehmung und Kontrolle entzogen. Dennoch nachvollziehbar gebaut und konstruiert: Algorithmen aus 1 und 0. Dennoch überlisten sie menschliche Strategien und entfalten scheinbare Eigenleben. Während Datenschutz und Transparenz aneinander hängen und zugleich ihre Kräfte messen. Wer speichert wo? Wer verbreitet, wer schützt? Wer weiß was?

 

Müll & Abwasser

Die Infrastruktur der Stadt baut auf dem Verbergen auf. So schnell es geht, sollen sie verschwinden, die unangenehmen, überflüssigen, stinkenden Restprodukte der Körper und menschlichen Zivilisation. In einem Netz des Abtransports werden Abwasser und Müll aus den Städten und den Augen entfernt. Unterirdisch eine parallele Stadt, ein Kreislauf des Abtransports, der Aufbereitung, der Erneuerung. Materien werden abgestoßen, transformiert und aufgewertet. Sie verändern ihren Aggregatzustand und gelangen in neuer Gestalt wieder in den Alltag zurück. Andere Materien bleiben, halten an ihrer Gestalt fest. Sie lassen sich nicht zersetzen, resistent gegen den Verfall, trotzen der Zeit. Werden zu Zeugnissen, überdauern ihre organischen Zeitzeugen und das gezielt Konservierte. Vor der Haustür werden Tonnen geleert und unbemerkt abtransportiert. Überschuss und Absonderungen verschwinden spurlos aus den Häusern. Aber welche Wege nehmen sie? Welche Kräfte sind am Werk, um das Kraftwerk Stadt zu betreiben?

Ablagerungen

Unter dem Asphalt der Straßen, der wie eine Versiegelung über den Schichten der Stadt liegt, lagern die Materien der Vorzeit. Gegenwart häuft sich auf Gegenwart, obenauf die lesbare Oberfläche. Darunter Überreste anderer Generationen, anderer Systeme, anderer Werte. Zersetzte Strukturen, konservierte Momente. Menschen, Steine, Pflanzen, Tiere, Kunststoffe, Mikroben. Eine Ausgrabung, unergründetes Untergründiges wird ans Tageslicht befördert, aus dem Kontext entnommen, mit neuen Kontexten versehen. Aber wer sagt, ob es sich bei diesen lange verborgenen Dingen um Wertgegenstände handelt, ob sie gestern eine Funktion hatten, ob sie heute und morgen von Bedeutung sind?